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Out of Season
Bad Alchemy
Rigobert Dittmann

DAVE REMPIS QUARTET Out of Season (482 Music, 482-1021): Dieses Quartett lädt zum Kopfsprung mitten in den Chicagoer Kreativitätspool ein. Selbst wenn die Namen in Europa noch nicht so geläufig sind, spielen ihre Träger zentrale Rollen in der Free Music-Szene der Windy City. Rempis z.B. als expressiver Alto- & Tenorsaxophonist in The Vandermark 5, The Territory Band, The Crisis Ensemble, The Chicago Improvisers Group und The Thread Quintet und als Kopf von Triage und The Rempis Percussion Quartet, zwei Formationen mit Tim Daisy an den Drums. Daisy wiederum, der seit 1997 mitmischt, ist neben Projekten mit Vandermark und Rempis auch noch aktiv bei Dragons 1976, Wrack, Unclocked und Scott Rosenberg‘s Red. Am Kontrabass hört man Jason Roebke, der ansonsten noch in Tigersmilk (w/ Rob Mazurek & Dylan van der Schyff), The Valentine Trio (w/ Fred Lonberg-Holm & Glenn Kotche), Terminal 4 (Lonberg-Holm, Jeb Bishop, Ben Vida) und als Hauptmächer von Rapid Croche (Aram Shelton & wiederum Daisy) aufhorchen lässt. Last but not least Jim Baker, der hier neben seinem Piano auch Analogsynthesizer- und Violinsounds einstreut, ist seit gut 20 Jahren ein Fixpunkt der Szene, nicht zuletzt als Hauspianist in Fred Anderson's Velvet Lounge. In Witches & Devils und Caffeine war er schon Partner von Ken Vandermark, der ihn auch für die Territory Band rekrutierte. Immer wieder taucht er im Kontext mit üblichen Verdächtigen wie Michael Zerang, Jeb Bishop, Josh Abrams, Chad Taylor, Damon Short oder Rob Mazurek auf. Und zusammen mit u. a. Jim O'Rourke & Lonberg- Holm war er auch an der Chicagoer Version von Cornelius Cardews Treatise (Hat[Now] Art) beteiligt gewesen. Für Out of Season ziehen die Vier die Register einer stark europäisch und von kontemporärer Avantness durchsetzten Improvisationskunst. So meine ich neben einem Widerhall von englischem Plink Plonk auch den Geist Wiener School-Boys und anderer ‚Bad Boys of Music‘ herauszuhören. Baker vor allem besticht durch sprunghaft quicke, aber spröde Figuren, näher bei Mengelberg oder Voerkel, als der klassischen Jazzpianotradition. Herrscht in den ersten 10 Minuten der vierteiligen Titelsuite noch ein quecksilbriger Vorwärtsdrang mit stürmischen Saxophonschnörkeln, so beginnt erst Rempis katzennärrisch seinen eigenen Schwanz zu jagen und bohrt dabei ein dunkelgraues Loch in die Musik, von dem sie sich nur schwer wieder befreien kann, angefressen von grüblerischer Schwermut und Schüttellähmung. Ein ‚Interlude‘ bringt frischen Schwung, schlägt als Befreiungsversuch jedoch fehl. Der Bass nagt wieder an den Fingernägeln, infiziert mit seiner Nervosität die Percussion, das nur fiepende Alto, erst nach 5 Minuten greift das Piano ein und es kommt wieder Tempo ins Spiel. Baker bestreitet den vierten Part zuerst lange allein mit verstimmtem, wehmütigem Pianoklingklang, einer zartbitteren Tristesse, die das ganze Quartett gefangen nimmt. Die anschließende Plinkplonk- Doublette ‚Scuffle‘ spickt Baker mit bruitistischem Synthiegeknarre und -gezwitscher. Wo Jazz war, muss Noise werden. Percussiongerassel und knarrende Basssaiten versuchen sich an Schamanenvoodoo, das elektroakustische Versprechen zerbröselt, Baker beginnt diskant zu fiedeln und alle zusammen suchen wuselnd Deckung in mikrophonem Gestrüpp. Mit ‚Never At A Loss‘ setzt das Quartett dann einen so kaum mehr erwarteten poetischen Schlussakkord.

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